Zweimal Tatort an einem Abend? Altersfreigabe ab 16?

Kann man machen. Und hier war es sehr gut gemacht. Immerhin hat es schon lange Zeit kein Tatort mehr geschafft, dass ich danach nicht gut geschlafen hab.

Die Story beginnt zunächst schlicht.  Franziska, die Assistentin von Ballauf und Schenk, arbeitet ehrenamtlich als Bewährungshelferin und besucht ihren Schützling in der JVA. Das dort, während sie die zahlreichen Sicherheitsschleusen passiert, gerade ein Mord geschieht, sieht zunächst nach einem Zufall aus. Kehl, der Häftling, der Franziska zugeteilt wurde, soll bald entlassen werden. Mord und Vergewaltigung liegen scheinbar weit hinter ihm, man hält ihn für einen Guten, zumindest Geläuterten. Selbst als er den Alarm nach dem Auffinden des Mordopfers nutzt, um Franziska als Geisel zu nehmen, wirkt er zuerst wie das verängstigte Opfer einer Intrige. Und die Situation, die sich daraus entwickelt, bleibt trotz aller Dramatik auch erst einmal vertraut. Zu oft hat man schon eine derartige Geiselnahme serviert bekommen. Und bisher immer mit dem wohligen Gefühl, dass nach 90 Minuten doch immer alles wieder gut sein wird. So kann man sich als Zuschauer entspannt fürchten. Diesen sicheren Boden zieht uns Drehbuchautor Jürgen Werner bei „Franziska“ unter den Füßen weg. Die Ausstiegsgerüchte um Tessa Mittelstaedt hatten ja die Runde schon gemacht. Und so wächst bei mir die Erkenntnis „Wow, das könnte übel ausgehen“ im gleichen Maße, wie sich die Schlinge enger und enger um Franziskas Hals zieht. Die beiden Hauptdarsteller dieses Tatorts, als Geisel Tessa Mittelstadt und als Geiselnehmer Hinnerk Schönemann liefern dabei ein Kammerspiel aller erster Güte ab. Die winzigen und riesigen Verschiebungen im Machtgefüge, die kleinen Erkenntnisse, das man sich im Anderen geirrt haben könnte und welche Konsequenzen das haben wird – das alles stellen die beiden mit Blicken und Körperhaltung so realistisch dar, das die Beklemmung spürbar wird.

Und ich leide mit: Frage mich, warum hat sie nicht… Wie zur Beruhigung sucht man Unglaubwürdigkeiten oder Fehlern in der Geschichte. Warum hat sie nach ihrem Angriff auf Kehl nicht einfach die Jalousie geöffnet, über das versteckte Mikro Infos an das SEK gegeben und die den Rest machen lassen? Weil bestimmt jeder, ganz sicher aber jede Frau in so einer Situation sich zuerst selbst helfen will. Der Fall außenrum hat bestimmt die paar Zufälle, von denen jede Tatort-Story lebt. Aber die Geiselnahme ist schlüssig und konsequent inszeniert. Auch wenn uns als Zuschauern die Konsequenz nicht gefällt.

Zu den restlichen schauspielerischen Leistungen bleibt nicht viel zu sagen: Die beiden Kommissare mit ihrem üblichen Leutchen drumherum wickeln den Fall professionell ab. Die räumliche Enge – unterstützt durch eine Kameraführung, die die Tristesse der Umgebung nie vergessen lässt, bilden den deprimierenden Hintergrund für die Darsteller. Der Humor beschränkt sich auf eine wohldosierte Prise: A wie Arschloch. Ganz ohne kauft man den Kölnern nicht ab, zuviel hätte die Bedrohung ihrer Kollegin relativiert. Die wohl typische Kölner Aufgeregtheit mildert Behrendt zuerst noch mit einem „Is aber doch wahr!“ ab. Später steigt der Paniklevel selbst bei Bär sichtbar. Als winziges Trostpflaster für die über sieben Millionen Zuschauer gibt es nach Franziskas Tod die Verhaftung des korrupten JVA-Beamten, durch dessen Ausbruchshilfe die ganze Sache doch irgendwie ins Rollen kam. Und zum Schluss bleibt den Kommisaren nur noch den Schreibtisch von Franziska zu räumen. Ein statthaftes Ende für diese Geschichte.

 

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